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Jüdische Gemeinde ab 1933

 

Rodener Geschichte(n) 2008 - eine Sammlung von Zeitzeugenberichten und mir freundlicherweise überlassenen Kommentaren von diversen Personen. Ihnen allen vielen Dank. phelan

 

1933 lebten 364 jüdische Personen in Saarlouis und den Orten der Umgebung. Nach der Rückgliederung des Saargebietes in das Deutsche Reich im Jahre 1935 siedelten viele jüdische Familien nach Lothringen oder Luxemburg um, denn die Nazis waren eine zu deutliche Gefahr.


Ende 1935 waren nur noch 95 jüdische Einwohner im Raum "Saarlautern" geblieben. Die 1938 noch bestehenden fünf jüdischen Geschäfte wurden in der Pogromnacht von SA-Leuten und zahlreichen Einwohnern der Stadt heimgesucht, geplündert und verwüstet. Mehrere jüdische Einwohner wurden dabei, teils schwer, verletzt. Als direkte Folge der Pogromnacht verblieben mit Stand Mai 1939 lediglich 41 jüdische Personen in der Stadt. Diese letzten Verbleibenden wurden 1940 nach Gurs deportiert. Von dort wurden sie gegen Kriegsende nach Auschwitz transportiert. Also einem jener Orte, von dem so viele nicht mehr lebend zurückkamen.

Einzelschicksale

Schicksal "Eugen Stern"

Worms 1933 . So ähnlich kann man sich die Situation auch in Roden vorstellen.

Von 1920 bis 1935 bestand an der Ecke Linden- und Kirchenstraße das Textilkaufhaus "Eugen Stern", das die meisten waren preisgünstig angeboten hatte, also ein klarer Widerspruch zu dem Bild der bösen, habgierigen Juden, dass die Nazis so gerne zeichneten.

Vor diesem Haus hatten 1935/36 die Nazis einen Zeitungsstand errichtet, wo die Zeitschrift "Der Stürmer" öffentlich zum Lesen ausgehängt war.
Seit 1935 begannen die allgemeinen Schikanen, Schmähungen und die Ausgrenzung aus der Gesellschaft. Hierauf folgten die Verhaftungen der Familienmitglieder in der Reichskristallnacht 1938 und die Zerstörung des Privateigentums.


Vom endgültigen Verbleib der Familie nach 1945 ist nichts bekannt.

 

Der alte Mann - Schräg gegenüber Textilkaufhaus "Eugen Stern" in der Lindenstraße wohnte ein über 80 Jahre alter jüdischer Mann, der in Roden, oder Saarlautern 2, wie es damals hieß, sehr beliebt war. In der Reichspogromnacht hatten SA-Männer diesen alten Herrn in "Schutzhaft" genommen und seine komplette Wohnungseinrichtung zerstört.

 

Die Metzgerei - In der Lindestraße befand sich vor dem ersten Weltkrieg auch eine jüdische Metzgerei, die an die Bevölkerung koscheres Fleisch aus eigener Schlachtung verkaufte. Die Metzgerei überstand die "Säuberungsaktionen" und den Terror der Nazis nicht.

 

Familie Andermann - In der Lindenstraße befand sich auch das Uhrengeschäft des Herrn Andermann. Dort wurden vorwiegend Stand- und Wanduhren verkauft. Das Geschäft wurde 1936 wegen Wegzug ins Ausland aufgegeben. Diese Flucht vor den Nazis war eine sehr weise Entscheidung, wie uns ja allen bekannt ist.

 

Kaufhaus Marx - Ein größeres Textilgeschäft mit moderner Einrichtung war das Kaufhaus Marx. Es befand sich in Saarlouis -Roden an der Ecke "Saarwellinger Straße"-"Lindenstraße". Neben einem reichen Sortiment an Stoffen wurden hier vor allem Anzüge und Kleider verkauft. Ihn traf ein ähnliches Schicksal wie das Textilkaufhaus "Eugen Stern". Und gleichfalls war er ein beliebtes Mitglied der Rodener Gemeinschaft gewesen. Sonst hätte diese ihm sicherlich nicht den Spitznamen "Schlaumen" gegeben. Ein Nachfahre des alten Herrn Marx mit Namen Herbert Marx wohnte nach 1945 in Roden in der Hochstraße.

 

Familie Gitmann - Herr Gitmann war Teil der Bürgerschaft und Angestellter bei Meguin in Fraulautern. Seine Tochter Ruth wuchs in Roden und Saarlouis auf, besuchte die Volksschule in Roden und nahm am jüdischen Religionsunterricht teil. Ihre Ehrung als Klassenbeste im Jahr 1933 zeigt, dass sie sich auch mehr als nur durchschnittlich anstrengte. Bis 1935 führte sie ein normales, unbeschwertes Leben. So wie ihre deutschen Freundinnen. Doch dies änderte sich mit dem Anschluss des Saargebietes an das Deutsche Reich schlagartig. In kürzester Zeit sah sie sich Diskriminierungen, unbegründetem Hass und Verfolgung ausgesetzt. Was muss das für Ruth eine Belastung gewesen sein. Man verhält sich so wie immer, doch die Eltern der Freundinnen verbieten ihnen mit einem zu spielen. Doch so traurig allein dieses Szenario schon ist, es wurde schlimmer. Als Ruth sich im Turnunterricht verletzte, wurde sie von der Lehrerin nicht beachtet oder versorgt. "Sie ist ja nur Jüdin". Was für eine Aussage! Doch nicht nur Ruth hatte zu leiden. Auch ihren Vater traf es. So sah er sich urplötzlich mit anonymen Drohungen ausgesetzt. Nachdem Ruth und ihre Schwester nach einem Synagogenbesuch verhaftet wurden, unternahm die Familie Gitmann einen schweren Schritt, der ihnen allen aber das Leben rettete: sie wanderten nach Palästina aus. Doch schwer war es nicht nur die Heimat, die Freunde zurückzulassen. Schwer war es auch, da sie ihr Heim zu einem Spottpreis verkaufen mussten, um in der Fremde neu anzufangen.

 

Wenn der Staat die Hilfe verweigert - Sofort per Telefon und Fernschreiber alarmiert, treten überall im Reichsgebiet die Schlägertrupps der SA in Tätigkeit. Die Polizei greift nicht ein, sie hat den Befehl, nur dafür zu sorgen, dass keine nichtjüdischen Geschäfte demoliert werden, sowie keine Plünderungen vorgenommen und ausländische Staatsangehörige nicht belästigt werden. Vielerorts werden die Überfälle anhand von vorher angefertigten Listen organisiert. Zu welchen Exzessen es dabei vor den Augen einer weitgehend passiven Bevölkerung kommt, die sich nicht an dem Zerstörungswerk beteiligt, zeigt ein Bericht aus Saarlautern: "In Saarlautern holte man nachts die Juden aus den Betten und trieb sie durch die Stadt. Das Hauptgaudi bestand darin, dass man sie in dem Zustand, wie sie aus dem Bett kamen, barfuss herumjagte." - aus: Pogrome 1938, Chronik Verlag

Andreas Neumann

 

 

 
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